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Das Zeugnis von Stokrotka (35 Jahre) - „Mit Hoffnung”

Wenn ich morgens aufwache, betrachte ich das Hochzeitsfoto von mir und meinem Mann. Manchmal, wenn ich nicht in Eile aufstehen muss, von meinen Kindern geweckt, frage ich mich, wer ich wirklich bin?! Was ist der Sinn meines Daseins? Woher komme ich und wohin gehe ich? Seit Jahren habe ich beständig das Gefühl, dass ich erst vor kurzem aus einem lebenslangen Koma erwacht bin und dass der Traum, den ich träumte, nur ein Albtraum war, der endlich zu Ende gegangen ist. Aber außer diesem Albtraum kann ich mich an nichts anderes erinnern.

Da war immer mein betrunkener Vater, der mir ironischerweise mehr Wärme gab und mehr Zeit widmete als meine Mutter, die dagegen kalt und abwesend war. Ich frage mich, wie um alles in der Welt ich überhaupt geheiratet habe. Ich träumte nicht, wie ein gewöhnliches kleines Mädchen, von einem weißen Hochzeitskleid, einem Märchenprinzen und all diesem mädchenhaften Kram. Eigentlich hatte ich gar keine Träume, obwohl meine Mutter zu sagen pflegte, dass ein Mensch welche haben sollte, sonst werde er verrückt.

Mein Vater formte für mich rosa Schweine und grüne Krokodile aus Knetmasse. Ich erinnere mich noch heute an sie und kann sie ziemlich getreu nachbilden. Ich halte an diesen Schweinen und Krokodilen fest, weil sie eine der wenigen wertvollen Erinnerungen und „Schätze” meiner Kindheit sind. Meine Mama war zu jener Zeit bei der Arbeit. Mein Vater ging mit mir spazieren, wir pflückten Blumen und umarmten Bäume. Zu Ostern sammelten wir Weidenkätzchen, wir bemalten Eier, und zu Weihnachten schmückten wir den Christbaum und bauten einen Schneemann. In diesen gemeinsamen Momenten war mein Vater manchmal nüchtern, aber allzu oft war er betrunken.

Manchmal suchte ich nach einer Flasche, die mein Vater sorgfältig versteckt hatte, doch ich hatte keine Ahnung, was ich damit tun würde, wenn ich sie fände. Meine Mutter war abwesend, ständig mit irgendetwas beschäftigt. Nur ein einziges Mal in meinem Leben stellte ich mich an die Seite meines Vaters und äußerte meine eigene Meinung. Damals wurde mir beigebracht, wie undankbar ich sei... Es kam vor, dass ich eine schlechte Note in der Schule bekam, und meine Mutter sah mich so eisig an, dass ich lieber ins Gesicht geschlagen worden wäre, als in diese kalten Augen zu blicken.

Meine Eltern schufen in unserem Zuhause stets eine Atmosphäre der Liebe. Hätte mich jemand vor 20 Jahren gefragt, wie meine Familie sei, hätte ich mit Sicherheit geantwortet, sie sei liebevoll und fröhlich... Es gab Momente, in denen ich mich heimatlos, verwaist und in psychologischer Hinsicht niemandem zugehörig fühlte. Wertlos, ein kleines, hässliches Mädchen... Aber nicht dumm, ein fröhlicher „Mittelpunkt der Gesellschaft”. So viele Widersprüche in einem Körper, ein Engel und eine Zicke, eine Altruistin und eine Egoistin, ein wenig gebildetes Mädchen oder eine unheilbare Närrin. Bis heute erzeugt jeder objektive Erfolg in mir ein Gefühl der Übelkeit, in dem die Freude gegen die Unsicherheit und die Angst kämpft, dass ich grenzenlos stolz sei.

Mir wurde nicht beigebracht, mich zu freuen. Ich lächle, ich lache nicht, undeutlich, wie Mona Lisa oder als hätte mir jemand die Lippen zusammengeklebt. Es herrscht ein ständiger Kampf zwischen dem Wunsch, schön und elegant zu sein wie auf einer Feier, und dem Gefühl, unsichtbar, durchsichtig und unbemerkt zu sein. Ich bin nie gut genug, hübsch genug oder klug genug... Mein Vater ging davon aus, dass man Kinder nicht loben solle, weil ihnen sonst der Kamm schwelle. Meine Mutter konnte über einen abgeschlagenen Topf oder ein nicht ordentlich geputztes Zimmer streiten. Sie hatte keine Zeit herauszufinden, wie man auf sich achtet, wie man sich kleidet, aber sie konnte die Frisur bemängeln, die ihr nicht gefiel, den zu kurzen Rock oder die zu grellen Farben der Kleidung.

Ich schaue mich nicht gern im Spiegel an, nicht weil ich mich nicht mag. Wenn ich in den Spiegel blicke, sehe ich das Mosaik meiner Eltern. Je älter ich werde, desto ähnlicher werde ich ihnen, obwohl ich meinen Knochenbau von irgendeinem anderen Verwandten hätte erben können, den ich zwar nicht kannte, mit dem ich aber wenigstens eine angenehme Assoziation hätte und über den ich eine schöne Geschichte erfinden könnte - über meinen Vorfahren, der ein Reisender oder Entdecker war. Doch stattdessen sehe ich in Momenten der Müdigkeit das Gesicht meines betrunkenen Vaters, und in Momenten des Zorns die kalten, dunklen Augen meiner Mutter.

Ich denke oft daran, wie sehr Gott mich liebt (und wofür?), da er mich ins Dasein rief und mich jeden Tag segnet. Mein Mann, ein feinfühliger Mensch, der mich mehr versteht, als ich mich selbst verstehe; die Kinder, die mein offensichtlicher Segen sind, obwohl sie die dunkelste Seite meines Charakters aufdeckten - Ungestüm, Ungeduld, Egoismus; die Familie meines Mannes, die alles Gute in mir hervorruft und bemerkt, mir ermöglicht, mich frei zu fühlen, und die mich spüren lässt, dass ich in ihren Herzen verankert bin.

Zum Glück ist Gott niemals müde, von Arbeit überwältigt, beschäftigt oder kleinlich. Zum Glück sorgt er, bleibt wach, stützt und tröstet. Das Gefühl, dass ich vor Gott durchsichtig bin, bringt mir große Erleichterung; Er sieht, wer ich bin. Es hindert mich daran, mich bei Gott einzuschmeicheln, mich besser darzustellen, als ich bin, und, was das Wichtigste ist, ich kann spüren, dass es bedingungslose Liebe gibt.

Ich denke mir, dass ich eigentlich nicht weiß, wie es ist, Eltern zu haben. Ich erinnere mich an wenig aus meiner frühen Kindheit, nur an den Kindergarten und die Schule. Ich erinnere mich an meine ältere Schwester, die meine wahre Mutter war, an unsere Ausflüge, aber auch an große Sehnsucht, wenn sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern musste.

Meine Mutter tat immer dasselbe. Sie versprach mir etwas und hielt dann nie ihr Wort. Wenn also meine Schwester mir einen Ausflug versprach, drückte ich aus Angst, sie könnte ohne mich gehen, einen Zipfel ihres Schlafanzugs. Und meine Mutter konnte das Problem nicht verstehen. Es war ein gemeiner Streich! Ich meide solche leeren Worte und leeren Versprechen, wenn es um meine Kinder geht.

Manchmal denke ich daran, wie unser Familienleben ausgesehen hätte, wenn mein Vater nicht getrunken hätte. Jetzt, wo er nüchtern ist (er ist seit 12 Jahren Abstinenzler), kann er sparsam und großzügig sein, aber niemals nachdenklich. Er tut so, als wäre nichts geschehen. Es gibt keine Vergangenheit. Seiner Meinung nach ist es in Ordnung, andere zu kritisieren, zu moralisieren, Ratschläge zu erteilen und sich zu empören. Doch er kann in der Öffentlichkeit auf meine Mutter so fluchen und schimpfen, dass mir übel wird. Das Schlimmste ist, dass sie es zähneknirschend erträgt.

Recht spät wurde mir klar, dass die ehelichen Dinge eine „innere” Angelegenheit sind, die nur einem Ehepaar bekannt ist, und dass man von außen nicht das ganze Bild eines Paares sehen kann. Meine Mutter beklagte sich bei mir über meinen Vater, weil sie das Bedürfnis danach hatte. Sie füllte meinen Kopf mit Parolen über die Niedertracht der Männerwelt, über die Notwendigkeit, dass eine Frau selbstständig werden müsse usw. Sie nahm sich nie die Zeit, mir etwas Nützliches beizubringen, nun ja, vielleicht außer Kochen oder etwas, das wir gemeinsam tun konnten. In meiner Familie gab es kein GEMEINSAM.

Ich musste immer jemandes Partei ergreifen, und es war stets die meiner Mutter. Seltsamerweise hatte ich nie Angst vor meinem Vater. Schon als Kind, wenn mein Vater eine häusliche Szene begann, hielt ich es für richtig, meinen Senf dazuzugeben. Der Vater warf mir vor, dass ich immer meine eigene Meinung äußern müsse. Ich hatte das Gefühl, meine Mutter retten zu müssen, sie zu bewachen, damit mein Vater nicht eine seiner Drohungen an ihr wahr machte. Nun, es muss ein netter Anblick gewesen sein, ich war so klein, kaum vom Boden aufgestanden, mit geballten Fäusten, mit Elan im Gesicht... Erbärmlich! Hätte ich nur gewusst, dass es nur ein Spiel zwischen zwei Erwachsenen war, unreifen Menschen, die ihr Leben nicht allein bewältigen können.

Obwohl wir uns unsere Eltern nicht aussuchten, habe ich das unwiderstehliche Gefühl, dass wir moralisch, psychologisch oder körperlich dafür bezahlen müssen. Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum, aber so fühle ich es. Natürlich ist das ein sehr subjektiver Gedanke, aber er begleitet mich seit einiger Zeit. Was mich am meisten schmerzt, ist die Haltung meiner Mutter. Mit der Nüchternheit meines Vaters verlor meine Mutter die Position der benachteiligten Leidenden; sie musste ihre Handlungsweise neu bestimmen, und, überraschenderweise, tat sie es. Nun manipuliert sie den Vater, gestützt auf seine geringe Kenntnis der Wirklichkeit, auf die lebenslange, aus seiner Trunkenheit stammende Amnesie und darauf, seine albernsten Launen und Wünsche zu befriedigen. Ich habe das Gefühl, dass solche Abmachungen in einer Ehe mit Alkoholproblemen niemals enden und selbst in der Nüchternheit verschiedene raffinierte Formen der Co-Abhängigkeit annehmen.

Es ist traurig, aber in meinem Erwachsenenleben werde ich von einer neuen, unerwarteten Last überwältigt, die „die ganze Wahrheit über meine Mutter” ist. Während die Zeit mir durch die Finger rinnt, finde ich ungewollte und schmerzhafte Puzzleteile, die das Bild meiner Mutter ergeben. Die Frau, die ich vergötterte, der ich vertraute und die - wie schrecklich! - mein Vorbild war. Dieses Bild existiert nicht mehr. Ich weiß nicht, ob das ihr bewusstes Handeln ist. Ich hänge der Illusion an, dass es eine Art seelischer Verwirrung sein könnte.

Die Frau, meiner Meinung nach durch und durch ehrlich, ist nun, zusammen mit dem Vater, verschuldet. Das ist nicht das Ende von Scham und Demütigung, denn auf der Straße halten mich Menschen, Nachbarn, Freunde und Verwandte an und fragen: „Wann zahlt deine Mutter zurück?” Wie traurig und schmerzhaft war die Entdeckung, dass meine Mutter sich von der Schwester und von mir Geld leiht und uns dafür ausgedachte Gründe vorträgt. Jahrelang, während sie sagte, meine Schwester und ich sollten zusammenhalten, errichtete sie eine Mauer aus Misstrauen, Eifersucht und Kummer - aber wem sollten wir vertrauen, wenn nicht einer MUTTER?

Heute bin ich selbst Mutter und sehe, wie viel Zeit und Hingabe es kostet, Kinder zu umsorgen und zu erziehen. Es ist auch eine GROSSE Verantwortung. Ich muss mit schmerzendem Herzen zugeben, dass meine Mutter sich, abgesehen vom Sichern des Unterhalts, nicht richtig um mich kümmerte. Woran ich mich erinnere, sind eine Gutenachtgeschichte und die Arbeit, zu der meine Mama mich mitnehmen musste, wenn niemand bei mir bleiben konnte. Ich erinnere mich auch an unser samstägliches Putzen, das meiner Mama half, die mit der häuslichen Lage verbundene Anspannung zu lösen.

Das Schlimmste war, dass meine Mutter meinte, sie könne frei über meine Sachen verfügen; sie verteilte meine Spielsachen unter anderen Kindern, ohne mich um Erlaubnis zu fragen, sie warf alles weg, was ihrer Meinung nach nutzlos war: Hefte, Kleidung, Haarspangen, Bänder, Puppen, Teddybären usw... Einmal warf sie meine geliebten Socken weg; sie verstand meinen Protest nicht, dass ich diese Socken, obwohl mit Löchern, selbst wegwerfen wollte. Korczak hatte recht, als er sagte, dass wir Kindern das Recht nehmen, eine eigene Meinung, eigene Sachen zu haben... Ein Kind ist klein, verletzlich und zu schwach, um sich unserem Egoismus, unserer Ungeduld oder unserer Impulsivität zu widersetzen. Und noch etwas: Es kam vor, dass mein Vater mich betrunken ins Auto setzte. Wenn ich daran denke, versuche ich herauszufinden, ob meine Mutter davon wusste oder ob es ihr völlig gleichgültig war.

Ich bin seit 15 Jahren auf dem Weg, ich habe eine Vergangenheit hinter mir, die ich immer besser verstehe. Ich habe, anders als viele andere Menschen, nicht das Bedürfnis, in die Vergangenheit zurückzukehren oder sie zu ändern.

Ich bin froh, dass sie bereits hinter mir liegt und ich sie nicht noch einmal durchleben muss. Ich musste, oder eigentlich, ich wollte wirklich dieses Böse und Leid meiner Familie in etwas Gutes verwandeln, in etwas, das mich weise, ehrlich und mit Liebe leben lässt. Das gelingt mir nur dank Gott. Aus menschlicher Sicht bin ich aus einer pathologischen Familie herausgewachsen, die mich emotional verletzte und mich in vielen wichtigen Bereichen, die man im Leben braucht, um erfolgreich und glücklich zu sein, nicht reifen ließ. Aber durch das Prisma Gottes bin ich diejenige, die ihren Platz im Leben gefunden hat; die andere Menschen besser versteht; die mit Menschen arbeitet, die Einfühlung, Verständnis oder Trost brauchen; die ihre Kinder liebt, ohne sie für sich vereinnahmen zu wollen; die Gott vertraut, dessen Liebe Berge versetzen kann.