„Ich bin ein erwachsenes Kind von Alkoholikern, bei Al-Anon und Mitglied des Neokatechumenalen Weges.”
Ich hätte nicht gedacht, dass das Buch „Die Flügel ausbreiten” mich so sehr inspirieren würde. Ich kaufte es, weil mich eine andere Al-Anon-Teilnehmerin dazu ermutigte. Eigentlich wollte ich das Buch anderen schenken, zum Beispiel Jugendlichen aus Alkoholikerfamilien, denn ich war bei Al-Anon (bzw. ALATEEN) Betreuerin solcher junger Menschen.
Es stellte sich heraus, dass Gott einen wunderbaren Plan für mich hatte - ich hatte die Möglichkeit, mich von den Gefühlen zu befreien, die durch meine Kindheit in der Alkoholikerfamilie in mir waren. Ich bin 54 Jahre alt. Ich dachte, mein mehrjähriger Aufenthalt bei Al-Anon, die Therapie, die langjährige Therapie für erwachsene Kinder von Alkoholikern seien genug. Doch mein schlechtes Verhältnis zu meiner Mutter widerlegte, dass ich geheilt war. Die Teilnahme an der Neokatechumenalen Gemeinschaft ließ mich für meine Angehörigen und für unsere Beziehungen beten. An die erste Stelle setzte ich meine Mutter.
Ich bete jeden Tag für sie, ich begleite sie jedes Mal, wenn ich einen freien Tag habe, ich spreche mit ihr aufmerksam und konzentriert, ich erinnere sie daran, dass auch sie mir zuhören soll, denn ich erzähle ihr von meiner Erfahrung, die mir sehr wichtig ist. In meiner Kindheit brauchte ich sie, ihre Nähe, aber das war unmöglich. Heute weiß ich, dass sie so auf ihren alkoholabhängigen Mann konzentriert war, dass sie mich und meine Schwester nicht erziehen konnte. Ich musste sie in vielen Situationen ersetzen, wozu auch die Sorge um meine jüngere Schwester gehörte.
In meiner Familie spielte ich die Rolle des „Helden-Kindes” - ich kochte das Essen, kümmerte mich um meine Schwester, wusste, was ich kaufen sollte und wo alles billiger war. Auf meinem Zeugnis hatte ich nur sehr gute Noten... Es schien, als wäre mit mir und meiner Familie alles in Ordnung, aber das war nur Schein. In mir fühlte ich mich ständig angespannt und verbarg meine Unzufriedenheit mit der ganzen Lage und mit mir selbst. Kein Wunder, denn jedes Mal, wenn ich mein Zeugnis mit sehr guten Noten brachte und die Unzufriedenheit meiner Mutter sah, sanken meine Arme herab und ich weinte laut vor Hilflosigkeit. Eine weitere Erinnerung: Jedes Mal, wenn ich meiner Mutter ein Geschenk oder eine Grußkarte brachte, warf sie sie vor meinen Augen weg.
Meine Tränen bedeuteten ihr nichts. Noch schlimmer waren die beißende Kritik und die gemeinen Bemerkungen oder Schläge, nach denen ich zerschnittene Nagelhaut und viele andere Wunden hatte. Ich wunderte mich, wie es möglich war, dass im Sportunterricht niemand diese Schnitte bemerkte. Das ist ein Beweis, dass ich ein Sündenbock-Kind war. Wenn jemand schuld war, war ich es immer. Der Alkoholismus ist ein Familiengeheimnis, das dazu führt, dass man niemandem vertrauen kann. Man kann nicht einmal sich selbst vertrauen.
Mein Vater sagte immer: „Ich glaube niemandem, nicht einmal mir selbst.” Ich bin froh, dass es in dieser Familie einen Menschen gab - meinen Großvater, den Vater meines Vaters -, der mir warme Gefühle zeigte. Er konnte sich über meine sehr guten Schulnoten und meine Zeichnungen freuen. Er war zufrieden mit meinem Universitätsabschluss und meinen anderen Fähigkeiten. Als er starb, war ich erwachsen und wünschte mir, eine glückliche Familie zu gründen. Ich floh aus dem Haus zu einem alkoholkranken Mann. Es war der einzige Mann, der mir einen Antrag machte, und ich sagte ja, weil ich Angst hatte, in Zukunft eine alte Jungfer zu sein.
Alle warnten mich, diesen Mann nicht zu heiraten, aber ich bin ein erwachsenes Kind von Alkoholikern und bin zu loyal, selbst wenn es nutzlos ist. Ich hatte Angst, aber gestärkt durch die Licht-Leben-Bewegung heiratete ich diesen Mann. Nach zwei Ehejahren brauchte ich professionelle Hilfe. Nach außen war ich eine Heldin, aber innen war ich wieder an allem schuld - an den Mängeln, der schmutzigen Wohnung, dem fehlenden Alkohol oder sogar an den Blicken anderer Männer. In jener Zeit gab es in meiner Stadt keine Al-Anon-Gruppe. Ich war Zeugin, wie diese Organisation gegründet wurde. Gott ließ mich gesunden, ich begann, an mich selbst und mein Leben zu denken, ich hörte auf, zwanghaft an meinen abhängigen Mann zu denken.
Dank der Hilfe von Al-Anon konnte ich mich der Gewalt widersetzen. Mein Mann wurde zur Polizei und zur Staatsanwaltschaft vorgeladen, es wurde ein rechtsmedizinisches Gutachten erstellt. Er blieb in seiner Haltung unerschütterlich, beruhigte sich aber. In dieser Situation entschied ich mich für eine Gütertrennung, um seine Schulden nicht abzahlen zu müssen. Nach einer Weile beschloss ich, mich scheiden zu lassen, als er mit seinen Seitensprüngen prahlte. Seitdem nehme ich ein- bis zweimal pro Woche an Al-Anon-Treffen teil, auch jetzt, wo ich keinen alkoholkranken Mann mehr habe. Die ganze Zeit über spürte ich, dass man mich nur bei Al-Anon versteht. Andere Menschen waren neugierig auf meine Geschichte, und ich fürchtete ihre Neugier, wie in der früheren Familie, also beschloss ich, nicht darüber zu sprechen. Heute ist es völlig anders. Ich schreibe Texte über diese Krankheit und veröffentliche meine Artikel in der Al-Anon-Zeitung „Razem” („Gemeinsam”).
Einst betreute ich eine Gruppe von Jugendlichen namens ALATEEN. Auf meinem Neokatechumenalen Weg sprach ich über die Alkoholprobleme in meinem Leben und fühlte mich erleichtert. Das ist ein weiterer Schritt in meiner Genesung. Dadurch begann ich nach 16 Jahren Pause, ohne Angst mit meinem Mann zu sprechen. Ich bin nicht mehr leichtgläubig, wenn ich mit ihm rede, ich lasse mich nicht in seine Fantasien hineinziehen. Jetzt bete ich für meinen Mann. Aber nicht für seine Nüchternheit - in dieser Absicht bin ich mehrmals nach Tschenstochau gepilgert -, sondern für sein Heil.
Al-Anon ist eine Organisation, die Menschen hilft, besonders Jugendlichen aus einem dysfunktionalen Zuhause wie einem Alkoholikerhaushalt. Tschenstochau ist die heilige Stadt der Gottesmutter, mit einem großen Heiligtum, zu dem jedes Jahr Menschen pilgern.